Der Verschleiß der Liebe

Zur Zeit habe ich das Gefühl, dass wir in einer starken Verschleiß-Gesellschaft von Gefühlen leben. Als wäre es der neuste Trend, Beziehungen einzugehen, sich bei der kleinsten Sache möglichst schnell zu trennen, um gleich wieder auf der Suche nach einer neuen Liebe zu sein. Dieser Verschleiß begegnet mir tagtäglich und löst in mir eine gewisse Unruhe aus. Ich komme nicht drum herum, mich zu fragen, ob Trennungen und Partnersuche sogar zum Lifestyle-Konzept der heutigen Zeit gehören?

'Eat your heart out' by Isabella Giancarlo
'Eat your heart out' by Isabella Giancarlo

„Ich habe mir etwas vorgemacht, Flora“, eröffnet sie mir. „Wir haben uns am Wochenende getrennt. War wohl doch nicht die große Liebe. Aus und vorbei!“

Bei den letzten Worten nimmt meine Freundin einen fast schon triumphierenden Schluck von ihrem Kaffee. Während ich langsam den Schaum meines Cappuccinos unterrühre, berichtet sie mir vom euphorischen Aufstieg in die Welt der Singles. Als Single habe frau viel mehr Freiheiten und wieder neue Gelegenheiten, die wirklich zu hundert Prozent passende Partnerin zu finden.

„Letzte Woche hatte ich drei Dates“, sagt sie und zählt diese händisch noch mal ab. Sicher ist sicher. „Aber es war nicht die Richtige dabei. Nummer eins war doch nicht mein Typ – zu klein. Nummer zwei isst Fleisch – geht gar nicht. Und Nummer drei ist bisexuell orientiert – zu unsicher.“

Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass vor zwei Monaten die Beziehung mit ihrer jetzigen Ex die Erfüllung ihrer Träume war. Ihre Herzensdame war aufmerksam, eine gute Köchin und tierlieb. Die Beziehung hielt nicht mal ein Jahr.

„Was war das Problem mit deiner Ex?“, frage ich.

„Irgendwie hat es doch nicht gepasst. Wir waren zu verschieden.“

Diese Standardantwort hatte ich erwartet, und bin mir sicher, sie bei der nächsten Kandidatin wieder zu hören.

Auch wenn diese eine hochgewachsene, lesbische Vegetarierin sein wird.

 Zu Hause angekommen, begrüßt mich meine Freundin mit einer langen Umarmung. All die Gedanken über Trennungen scheinen für einen kurzen Moment zu verschwinden. Unser kleines alltägliches Ritual beginnt, indem wir uns einen Tee machen und uns gegenseitig von unserem Tag erzählen. Als ich ihr von meinem Treffen berichte, sagt sie, ich solle mir nicht zu viele Gedanken über das Beziehungswirrwarr anderer Leute machen.

„Leichter gesagt als getan“, seufze ich. „Du weißt, ich bin ein Gefühlsschwamm.“ Gefühlsschwamm bedeutet, dass ich Gefühle und Stimmungen von Menschen in meiner Umgebung sehr schnell wahrnehme und schwammartig aufsauge. Eigentlich keine schlechte Eigenschaft für das Einschätzen von Situationen, allerdings schaffe ich es manchmal nicht, den Abstand zu wahren. Beziehungsprobleme von Freunden nehme ich dann mit nach Hause und zermartere mir meinen Kopf, ob auch alles in meiner eigenen Beziehung richtig läuft. Dabei gibt es für mich eigentlich keinen Grund zur Sorge. Eigentlich. Denn ich erwische mich dabei, wie ich den Gedanken, schon acht Jahre in einer Beziehung zu sein, komisch finde. Auf eine skurrile Weise bilde ich mir ein, dass meine Lebenssituation nicht normal ist, denn die meisten um mich herum trennen sich wesentlich früher oder pflegen einen Lebensstil à la Shane, die bekannte Tomboy aus der Serie The L-Word.

Camilla Storgaard Photography ♥
Camilla Storgaard Photography ♥

Ein Problem der heutigen Gesellschaft ist meines Erachtens, dass wir uns zu wenig Zeit nehmen, Menschen besser kennenzulernen. Zu schnell wird entschieden, den Kontakt aufzugegeben, weil Menschen nicht auf den ersten Blick zu uns passen oder – hart gesagt – uns nichts nützen. Grund dafür könnte sein, dass wir als Einzelkämpfer erzogen wurden. Früher habe ich oft von meiner Mutter gehört, dass ich darauf achten soll, stark und unabhängig zu werden. Ich sollte lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und alleine zurechtzukommen. Zusätzlich fördern Medien dieses Bild, indem sie uns mit Slogans wie Wenn du willst, kannst du alles haben um Augen und Ohren hauen. So gesehen dreht sich der ganze Tag nur um einen selbst. Wir verlernen das Knüpfen von tiefen Verbindungen und manche werden sogar unfähig, tiefe Beziehungen einzugehen.

Atelier Stuemer
Atelier Stuemer

Dabei wäre alles eigentlich ganz einfach, denn im Grunde wollen wir „nur“ akzeptiert und geliebt werden, wie wir sind. Diese Erwartung bringen wir mit in unsere Beziehungen. Der andere will oftmals genau dasselbe. Alles gut, sollte frau meinen, wenn nicht die Tendenz zum Zweierleimaß wäre: Der andere soll mich so lieben, wie ich bin. Aber ich bin nicht bereit, seiner (identischen) Erwartung ebenso zu entsprechen. Denn immerhin bin ich der Einzelkämpfer, der Held, das umschwärmte Geschöpf. Oder?

Nach acht Jahren kann ich dies festhalten: Wenn wir den gemochten Menschen so annehmen, wie er ist, mit seinen kleinen Macken leben, sie sogar lieben lernen, kann eine glückliche und langanhaltende Beziehung entstehen. Wenn wir im Gegenzug genauso wir selbst sein dürfen und dafür geliebt werden, so ist das eines der besten Geschenke überhaupt. Das Ganze erscheint mir wie die Aufzucht einer Blume: Am Anfang haben wir eine kleine, filigrane Pflanze, die Aufmerksamkeit und Geduld benötigt. Doch wenn wir sie hegen und pflegen und ihr die benötigte Beachtung schenken, wird sie sich mit einer prachtvollen Blüte bedanken.

 Es mag sein, dass Blumen nicht der Trend der Saison sind, doch lieben und geliebt zu werden ist quasi ein Dauerbrenner im Lifestyle – und in einer Zeit der vergänglichen Jobs und Mode und Politik vielleicht die altertümliche, unmoderne Kuscheldecke, die wir tausendmal geflickt haben, aber ohne die wir einfach nicht einschlafen wollen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    TJ (Montag, 07 März 2016 22:59)

    Wow, super geschrieben und auf den Punkt gebracht. Dieses Phänomen, das Du hier beschreibst, kenne ich schon seit Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten. Du hast mir aus der Seele gesprochen. Danke. Alles Liebe weiterhin!

  • #2

    Mariana (Sonntag, 05 Februar 2017 01:47)

    Leider traurige Wahrheit. Gut, dass du das mal aufgeschrieben und dem ganzen Thema eine Kontur gegeben hast. Ein wenig Appellcharakter hat mir gefehlt, aber ansonsten wunderbar :)
    Schön, dass es noch Menschen gibt, die das ebenso schockiert wie einen selbst :)